Schulabteilung im Bistum Osnabrück

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Peter Graf, "Religiöse Bildung als Weg. Selbstfindung in einer Welt der kulturellen Vielfalt" - Eine Rezension von Dr. Winfried Verburg

Peter Graf, Religiöse Bildung als Weg. Selbstfindung in einer Welt der kulturellen Vielfalt. Peter Lang Verlag, Frankfurt 2016, 217 Seiten, 29,95€.

Peter Graf, emeritierter Professor für Interkulturelle Pädagogik an der Universität und Mitbegründer des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) dort, zudem katholischer Theologe, versucht die Grundlegung einer interreligiösen Religionspädagogik. Das Spezifikum liegt dabei in seinem interdisziplinären Ansatz und darin, dass er als Pädagoge sich nicht mit dem allein schon anspruchsvollen Ziel der friedlichen Koexistenz begnügt, sondern die Gottesfrage und die Beziehung des Menschen zu Gott in den Mittelpunkt stellt. Er stützt seine Argumentation dabei auf Ergebnisse der Sozialpsychologie, Anthropologie und Kognitionspsychologie, ohne Philosophie und Theologie auszublenden. Seine leitende Fragestellung, die aktueller kaum sein könnte: Welche Wege des Glaubens können jungen Menschen in einer Welt der kulturellen Vielfalt beschreiten, die aus der interreligiösen Konfrontation herausführen? Als herausragende Aufgabe einer „überzeugenden religiöse Bildung in öffentlichen Schulen“ sieht er, „junge Gläubige eben zu befähigen, den eigenen Glauben individuell auf ihre Welten abzustimmen, die spezifische kulturelle, soziale und rechtliche Bedingungen aufweisen werden“ (82). Dazu ist seiner Meinung nach die Unterscheidung zwischen Glaube und der institutionellen Form der Religionen notwendig, und Theologien, die ihre theologische Reflexion auf der individuellen Erfahrung der Gläubigen gründet: „Wenn Gläubige ihre Offenbarungstexte lesen, ist es ihre Wahrnehmung der Verarbeitung dieser Texte, die sie bewegt. Kein gläubiger Christ wird den Koran lesen, wie ein gläubiger Muslim ihn liest. Ebenso liest ein Muslim das Neue Testament anders als ein gläubiger Christ. Doch in ihrer inneren Kognition, die Worte ihrer je eigenen Offenbarung als ‚heilig‘ wahrzunehmen, sind sie einander gleich. Vergleichbar lesen sie auch ihre Offenbarungstexte ein Leben lang immer wieder neu.“… „Die ‚Äußerungen‘ der Religionen unterscheiden sie; das innere Bemühen der Menschen zu glauben, verbindet sie in ihrer Aufmerksamkeit, ihrem Tun“ (92). Peter Graf bestätigt die Erfahrung des Rezensenten, dass der interreligiöse Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen eher gelingt, wenn diese spirituelle, ja fromme Menschen sind. Auch für den interreligiösen Dialog gilt das bekannte Zitat von Karl Rahner vor 50 Jahren: „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht sein,“ das der Autor auch zitiert (185).

Auf den RU gewendet: Religiöse Bildung habe die Aufgabe „Schüler zu befähigen, selbst den Weg eines Glaubens zu wählen und in diesen Weg einzutreten. Der Glaube als erste Ebene des religiösen Lebens muss daher im Zentrum des Unterrichts stehen und gemeinsam erfahren werden. Dieses spricht für einen Religionsunterricht, in dem Lehrer und Schüler sich gemeinsam zu einem bestimmten Glauben bekennen“ (110). Gleichzeitig müsse der RU auch, „wenn er als getrennter Unterricht angeboten wird, die Begegnung mit Mitschülern pflegen und zum interkulturellen und interreligiösen Dialog mit ihnen und der Umwelt befähigen“ (111). Wichtig sei dabei die Bearbeitung der Differenzen: „Der interreligiöse Dialog bezieht sich nicht auf Kenntnisse über die Anderen, sondern maßgeblich auf Fragen, die für alle Partner neue Sichtweisen erschließen. (111) Letztlich kommt er zu dem Ergebnis mit Bezug zur Schöpfungstheologie, dass der RU „als Einführung in die Wahrnehmung der Welt“ offen sein müsse und dass diese Einführung keine Gruppe oder Religion ausschließen dürfe 112). In der Konsequenz begründet der Autor unter Bezugnahme von Ergebnissen der Naturwissenschaft ebenso wie mit Anleihen bei der Mystik, nicht nur der christlichen, seine Forderung nach einer neuen Theologie des Weges (185-199) und entwickelt dafür fünf Koordinaten interreligiöser Orientierung (202-213). Ein grundlegender und weiterführender interdisziplinärer Beitrag für einen sicher noch lange spannenden Diskurs, wie religiöse Bildung in weltanschaulich pluralen Schulen ermöglicht werden kann.
Winfried Verburg

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